Auswahl der Fremdsprache
Die Europäischen Union hat es sich zum Ziel gemacht, das Zusammenwachsen Europas durch fremdsprachliche Förderung zu unterstützen. Bereits im Kindergarten- und Grundschulalter können durch fremdsprachliche Fördermaßnahmen positive Einstellungen zur Sprache und Kultur fremder Länder gefördert werden. Im Sinne einer Politik zur Förderung der Mehrsprachigkeit in Europa soll jeder EU-Bürger seine Muttersprache sowie zwei weitere Fremdsprachen auf funktional-kommunikativem Niveau beherrschen. Eltern stellt sich nun die Frage, welche Sprache ihr Kind zuerst lernen sollte.
An vielen Kitas und Grundschulen wird Englisch als erste Fremdsprache angeboten. Teilweise gibt es auch Wahlmöglichkeiten zwischen der englischen und der französischen Sprache. Spanisch und andere Sprachen sind im Schulkontext als erste Fremdsprache recht selten.
Englisch eignet sich aufgrund seiner hohen Sprecherzahl, seines Status und seiner relativen grammatischen Einfachheit als erste Fremdsprache. Die englische Sprache dient 400 Millionen Menschen als Muttersprache und gilt in Zeiten der Globalisierung als „lingua franca“. Sowohl in der Wissenschaft, als auch in internationalen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen fungiert das Englische als Konferenz-, Verhandlungs- und Fachsprache. Zudem gehören englische Vokabeln in vielen beruflichen Bereichen inzwischen zum Fachvokabular. In vielen, vor allem international verbreiteten Branchen wird zudem eine verhandlungssichere Beherrschung des Englischen vorausgesetzt. Auch das Studium fällt leichter, wenn man ein hohes Niveau in der englischen Sprache besitzt, da viele Fachtexte auf Englisch abgefasst sind. Auch auf sprachlicher Ebene sprechen viele Gründe dafür, Englisch als erste Fremdsprache zu lernen. Die englische Sprache weist eine gewisse Verwandtschaft zum Deutschen auf und ist aus diesem Grund für deutsche Muttersprachler recht einfach zu lernen. Außerdem hat das Englische ein gering ausgeprägtes Flexionssystem, also sehr wenige unterschiedliche Verbendungen in den verschiedenen Tempora, und verfügt im Gegensatz zu romanischen Sprachen, welche nur die Unterscheidung zwischen femininen und maskulinen Substantiven kennen und deshalb einen Artikel weniger als das Deutsche haben, nur über den einheitlichen bestimmten Artikel „the“.
Auch Französisch nimmt gerade für Deutsche eine wichtige Stellung unter den Fremdsprachen ein. Frankreich ist der wichtigste Handelspartner Deutschlands und die deutsch-französische Zusammenarbeit, welche 1963 mit der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags in Kraft trat, stellt die Grundlage für ein neues Kapitel der bis zu diesem Zeitpunkt eher angespannten deutsch-französischen Beziehung dar. Doch auch die enorme Ausbreitung des Französischen unterstreicht die Wichtigkeit der Sprache für deutsche Schüler. Über 250 Millionen Menschen in der Welt verwenden das Französische als Amts- oder Verkehrssprache. Die Frankophonie, die Organisation der Länder, in denen die französische Sprache gesprochen wird, umfasst Länder in der ganzen Welt: In Europa, Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien gehören Staaten der Frankophonie an. Auch praktische Gründe sprechen für das Französische. Mit dem Ziel des Ausbaus der deutsch-französischen Freundschaft werden besonders viele Jugendaustausche zwischen den beiden Ländern angeboten. Die französische Sprache gilt zwar als etwas schwerer als die englische, kann aber als erste Fremdsprache dabei helfen, andere Fremdsprachen schneller und leichter zu lernen. Zudem verfügen Kinder über besondere neurobiologische Veranlagungen, die es ihnen ermöglichen, Sprachen schneller als im Jugendalter zu lernen. So kann es Kindesalter leichter fallen, die französische Grammatik und vor allem auch die Aussprache, die durch die vier Nasalvokale eine gewisse Schwierigkeit für Deutsche darstellt, zu erlernen.
Sehr vereinzelt wird auch Spanisch als erste Fremdsprache angeboten. Das Spanische ist nach der englischen Sprache und dem Mandarin die dritthäufigste Sprache der Welt und hat insgesamt etwa 400 Millionen Sprecher. Durch die spanische Kolonialisierung wird zum Beispiel in ganz Süd- und Mittelamerika, mit Ausnahme von Brasilien, welches portugiesischsprachig ist, Spanisch gesprochen. In Nordamerika wird in Mexiko sowie in vielen Gegenden der USA Spanisch verwendet. Als internationale Verkehrssprache gewinnt das Spanische immer mehr an Wichtigkeit. Die spanische Sprache ist eine der Sprachen der UNO und dient auch in vielen anderen internationalen Organisationen als Amts- und Verkehrssprache. Auch in international tätigen Unternehmen wird Spanisch immer gefragter, um die Kommunikation mit amerikanischen Handelspartnern zu gewährleisten. In grammatischer Hinsicht ist das Spanische als romanische Sprache ähnlich komplex wie das Französische. Die spanische Sprache hat eine sehr reiche Verbflexion, die im Gegensatz zu den französischen Verbendungen, die meist gleich ausgesprochen werden, auch in der mündlichen Sprachverwendung zu unterscheiden sind. Eine weitere Schwierigkeit für Deutsche könnte in der sehr häufigen Verwendung des Modus des „Subjuntivo“ liegen. Im Hinblick auf die Aussprache bereitetet vor allem das gerollte „r“ vielen deutschen Sprechern Probleme. Diese Schwierigkeiten des Spanischen könnten ein Argument dafür sein, diese Sprache möglichst früh zu lernen oder den Lernprozess zusätzlich über Sprachreisen zu fördern.
Bei Sprachreisen im Allgemeinen ist Englisch laut Erhebungen des Fachverbands deutscher Sprachreise-Veranstalter (FDSV) die beliebteste Sprache. Etwa 80% der Sprachreisenden wollen die moderne Lingua Franca lernen. Abgeschlagen dahinter sind Spanisch (16,5%), Französisch (9,8%) und Italienisch (5,2%) (Quelle: FDSV, Stand 2009). Für jugendliche Englischlerner ist Großbritannien das beliebteste Sprachreiseziel, erwachsene Sprachreisende ziehen Malta vor. Spanischlerner verschlägt es zunehmend auch nach Lateinamerika, während Französischlerner am liebsten nach Frankreich reisen, um die „langue française“ zu lernen, wie der FDSV herausfand.


