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Neuropsychologische Erkenntnisse zum frühkindlichen Fremdsprachenlernen

Säuglinge besitzen bis zur Vollendung ihres ersten Lebensjahres die Fähigkeit, alle 100 Phänomene der Sprachen der Welt auseinanderhalten. Diese Begabung, die sich mit zunehmendem Alter verliert, macht Babys zu wahren Sprachgenies.

Wie Forscher herausfanden, liegt der perfekte Zeitpunkt, eine Fremdsprache zu lernen, vor dem 4. Geburtstag des Kindes. Wer in diesem Alter, beispielsweise in einem zweisprachigen Elternhaus, intensiv mit einer Fremdsprache in Berührung kommt, kann diese später wie ein Muttersprachler perfekt und ohne Akzent sprechen. Neben bilingualer Erziehung können auch zweisprachige Krippen, Kitas oder Kindergärten Kindern den nötigen Input verschaffen, um die Fremdsprache ähnlich einer Muttersprache zu lernen.

Frühlerner nutzen ein einziges neuronales System für alle Sprachen

Eine kooperative Forschung von Neuropsychologen und Linguisten deckte die Prozesse auf, die im Gehirn beim frühen Erlernen einer Fremdsprache ablaufen. Die bereits genannte Altersgrenze des 4. Geburtstags für optimales Sprachenlernen hängt mit der neuronalen Entwicklung des kindlichen Gehirns zusammen. Bis zu diesem Zeitpunkt entwickelt sich im Gehirn nur ein neuronales Netz, in dem alle Sprachen, die das Kind lernt, gespeichert werden. Das Kind nutzt eine bestehende Struktur sowohl für die Muttersprache, als auch für Fremdsprachen, in deren Umfeld es aufwächst, und kann diese aus diesem Grund sehr schnell und bis zur muttersprachlichen Perfektion lernen. Auch später gelernte Sprachen können leicht in das bestehende System eingefügt und deshalb wesentlich schneller und auf intuitive Weise gelernt werden. Wird eine Fremdsprache jedoch erst nach dem vierten Geburtstag gelernt, wird im Gehirn für jede Sprache ein eigenes Netzwerk angelegt, was Zeit und Anstrengung kostet.

Vor allem in Grammatik und Aussprache sind bei Frühlernern besser

Diese Erkenntnisse können noch weiter differenziert werden. Für das sprachliche Lernen sind im menschlichen Gehirn zwei Areale verantwortlich. Das Broca-Zentrum, welches in der linken Hirnhemisphäre liegt, ist für die Verarbeitung der Satzstruktur und der Grammatik zuständig. Das zweite Areal des Sprachzentrums, das Wernicke-Zentrum, dient der Verarbeitung der sensorischen Informationen, also des Sprachverständnisses. Es befindet sich in der dominanten Hirnhälfte, welche bei Rechtshändern zu 98% die linke Hirnhälfte ist und bei Linkshändern wahlweise in der rechten oder linken Hemisphäre liegen kann. Wird eine Fremdsprache erst nach der Vollendung des dritten Lebensjahres gelernt, wird vor allem im Broca-Zentrum für jede Sprache ein neues Netz ausgebildet. Daraus folgt, dass Kinder, die eine Fremdsprache deutlich später lernen, bilingual aufgewachsenen Kindern besonders hinsichtlich der Grammatik hinterherhinken. Dies gilt auch für die Aussprache, welche mit zunehmendem Alter immer schwerer gelernt werden kann, da sich die Sprachorgane auf die Muttersprache eingestellt haben. Der Wortschatz hingegen kann bei älteren Lernen durch längere Auslandsaufenthalte an das Niveau von Muttersprachlern angenähert werden.

Welche Sprache das Kind als Fremdsprache in seinen ersten Lebensjahren lernt, ist im Übrigen unerheblich. Wichtig sind die neuronalen Strukturen, in denen die sprachlichen Kenntnisse eingebettet werden. Ob es sich dabei um die englische Sprache handelt, welche im Vergleich zu anderen Sprachen über eine wenig komplizierte Grammatik verfügt, oder um Französisch oder Chinesisch, macht aus hirnphysiologischer Sicht keinen Unterschied.

Muttersprache/Zweitsprache/Fremdsprache

Terminologisch würde man den Status der Sprachen allerdings unterscheiden. Ein Kind, welches von Anfang an bilingual aufwächst, erwirbt zwei Muttersprachen (auch „Erstsprachen“ genannt). Wird eine Sprache im Jugend- oder Erwachsenenalter während eines viele Jahre andauernden im Auslandsaufenthalts nebenbei gelernt, nennt man diese seine Zweitsprache. Eine Fremdsprache im engeren Sinn ist eine Sprache, die nicht wie eine Mutter- oder Zweitsprache in einem natürlichen Kontext erworben wurde, sondern durch Instruktion gelernt wird. Instruktionskontexte sind beispielsweise der schulische Fremdsprachenunterricht oder Sprachkurse im Rahmen von Sprachreisen.

Der Vollständigkeit halber muss jedoch angemerkt werden, dass die Altersgrenze des 4. Geburtstags im Hinblick auf die neuronalen Prozesse nicht ganz unumstritten ist. Es scheint auch Hinweise darauf zu geben, dass die Einteilung in unterschiedliche neuronale Netzwerke für verschiedene Sprache mit 6 Jahren geschieht. Unumstritten scheint allerdings zu sein, dass sich eine frühe fremdsprachliche Förderung nicht nur positiv auf die Entwicklung der zu einem frühen Zeitpunkt gelernten Sprache auswirkt, sondern auch langfristig das Erlernen von Fremdsprachen in späteren Lebensphasen beschleunigt und vereinfacht.

Obwohl ein fremdsprachlicher Frühbeginn durchaus Vorteile für das fremdsprachliche Lernen mit sich bringt, dürfen angenommene Altersgrenzen nicht deterministisch gesehen werden. Manche Forscher stellen gar die Existenz kritischer Zeitfenster für das Fremdsprachenalter infrage. Nicht zu vergessen ist, dass neben dem Alter auch soziale und kognitive Faktoren eine Rolle spielen. Davon auszugehen, dass Kinder allein durch frühzeitige Förderung automatisch zu besseren Sprechern der Fremdsprachen werden, wäre falsch. Auf eine Altersgrenze scheinen sich Forscher dennoch zu einigen: Ab der Pubertät funktioniert der Fremdsprachenerwerb nicht mehr mit der gleichen Leichtigkeit wie zuvor. Dies hat nicht nur biologische Gründe, sondern hängt auch mit der Motivation und den Interessen der Jugendlichen zusammen.