Phasen des Spracherwerbs von Kindern
Der Mensch ist genetisch dazu ausgelegt, ihm unbekannte Sprachen in möglichst kurzer Zeit zu lernen. Allerdings funktioniert der Spracherwerb nicht in allen Phasen des Lebens gleich schnell und effizient. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass es am Leichtesten fällt, eine Sprache zu lernen, je jünger man ist. Im Erwachsenenalter fällt der Spracherwerb, vor allem die richtige Aussprache der fremden Worte, immer schwerer. Betrachtet man den Erwerb der Muttersprache näher, lassen sich wichtige Erkenntnisse für das Erlernen einer Fremdsprache ableiten.
Erwerbssequenzen beim Erlernen der Muttersprache
Ein Säugling im Alter von 0 bis 3 Monaten benutzt seine Sprechorgane, die in diesem Alter noch nicht fertig entwickelt sind, um einzelne Laute zu erzeugen. Schon im Mutterleib wird das Kind auf das Lautinventar seiner Muttersprache geprägt (pränatale Prägung), so dass das Neugeborene bereits in den ersten Lebensmonaten aufgrund des unterschiedlichen Lautbildes beurteilen kann, ob jemand in seiner Muttersprache kommuniziert oder eine Fremdsprache verwendet.
Erst ab dem ersten Geburtstag kann das Kind die ersten Worte sprechen. Die Ein-Wort-Phase dauert etwa ein halbes Jahr, in dem sich das Kind auf die Benennung von greifbaren Objekten in seinem nahen Umfeld beschränkt, und mündet in die Phase der Zwei-Wort-Äußerungen, die nur aus Substantiven oder einem nicht konjugierten Verb und einem Substantiv bestehen, die das Kind auf sich bezieht.Vor allem lautmalerische Bezeichnungen („Wauwau“ für jede Hunderasse, „Tatü-tata“ für „Feuerwehr“) gehören zum Wortschatz des Kleinkindes. Der Erwerb des Wortschatzes richtet sich nach dem sprachlichen Input, dem das Kind ausgesetzt ist. Diesen versucht das Kind, bei der eigenen Sprachproduktion zu imitieren.
Bis zum Alter von 18 Monaten kann das Kind auf ein Wortschatzinventar von ca. 50 Wörtern zurückgreifen. Danach kommt es zur so genannten Wortschatzexplosion: In kürzester Zeit vergrößert sich der Wortschatz des Kindes um ein Vielfaches. Zwischen 21 und 36 Monaten erlernt das Kind die wesentliche Struktur der Muttersprache. Dann, im Alter von 3 bis 10 Jahren, verfeinert das Kind die erlernten grammatischen Strukturen und erwirbt weiteres Vokabular, wobei es lernt, zwischen Über- und Unterbegriffen zu unterscheiden und Unterscheidungen bei Bedeutungsnuancen einzelner Wörter zu machen. Die Sprachverwendung des Kindes ist ein kreativer Prozess, der immer wieder auch zu Fehlern führt, wenn beispielsweise bestimmte sprachliche Phänomene fälschlicherweise verallgemeinert werden. Der Erwerb der Grammatik der Muttersprache ist im Wesentlichen im Alter von 5 Jahren abgeschlossen. Danach lernt das Kind die Verwendung von komplexeren Strukturen.
Im Alter von 11 bis 14 Jahren beginnt die linke Hirnhälfte, sich auf die Zuständigkeit für die Sprachproduktion zu spezialisieren (Lateralisierung). Zuvor waren beide Hirnhälften gleichermaßen für das Sprachenlernen zuständig.
Ab der Pubertät haben sich die Verknüpfungen der Synapsen soweit gebildet und gefestigt, dass es immer schwerer wird, eine Fremdsprache zu erlernen. Vor allem die Imitation der fremdsprachlichen Aussprache wird immer schwieriger, da sich die Sprechorgane vollständig an die Produktion des muttersprachlichen Lautinventars angepasst haben.
Fremdsprachenförderung so früh wie möglich
Das optimale Alter, um ein Kind an eine Fremdsprache heranzuführen, liegt zwischen dem 2. und dem 5. Lebensjahr. Im Kindergarten können Spiele auf Englisch eingebunden oder englische Lieder gesungen werden. Wichtig ist, dass das Kind von der Fremdsprache umgeben ist, ohne dabei überfordert zu werden. Kinder benötigen ausreichend kompetenten fremdsprachlichen Input, um wirklich davon profitieren zu können und Vorteile, verglichen mit Altersgenossen ohne frühzeitige fremdsprachliche Förderung, zu haben. Auch Korrekturen von sprachlichen Fehlern lohnen sich schon im jungen Alter.
Allerdings ist es auch nie zu spät, eine Fremdsprache zu erlernen. Vergleicht man den Spracherwerb von Kindern mit dem Spracherwerb von Jugendlichen und Erwachsenen, so fällt auf, dass Letztere zu Anfang sogar schneller Fortschritte machen. Vor allem im Hinblick auf das Erlernen der zielsprachlichen Grammatik haben Lernende, die die Pubertät hinter sich gelassen haben, Vorteile. Jugendliche und Erwachsene haben beim Erlernen einer Fremdsprache die Möglichkeit, auf bereits vorhandenes Sprachwissen (von der Muttersprache oder einer bereits gelernten Fremdsprache) zurückzugreifen, und können auf analytische Weise einen Sprachvergleich betreiben. Kinder holen diesen Vorsprung mit der Zeit jedoch auf und haben bessere Chancen, insgesamt ein höheres Sprachniveau zu erreichen. Besonders im Hinblick auf die zielsprachliche Aussprache machen Kinder sehr schnell Fortschritte.


