Unterrichtsgestaltung für junge Fremdsprachenlerner
Wichtig ist, dass sich die frühe Fremdsprachenförderung, sei es im Rahmen einer Sprachreise, eines Sprachkurses oder des Fremdsprachenunterrichts an der Grundschule, an den Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnissen des Kindes orientiert. Der kognitive Unterricht der Sekundarstufe I, bei dem Vokabellisten gelernt, Texte geschrieben und Noten vergeben werden, ist für jüngere Kinder nicht ratsam.
Kinder bringen eine große Neugier mit und wollen die Dinge in ihrer Umgebung aktiv erkunden. Für den frühen Fremdsprachenunterricht bedeutet dies, dass er gar kein „Unterricht“ im traditionellen Sinne ist, sondern vielmehr eine Begegnung mit der Fremdsprache erlaubt und sprachlichen Input bietet. Um den (früh-)kindlichen Spracherwerbsprozess optimal zu fördern, sollten deshalb einige Prinzipien beachtet werden.
Emotionen in den Lernprozess einbinden
Emotionen spielen besonders im kindlichen Fremdsprachenunterricht eine wichtige Rolle, die sich neurobiologisch erklären lässt. Wie die Gehirnforschung herausfand, tragen Emotionen dazu bei, dass die Ausbildung neuer Wissensnetzwerke stattfindet. Deshalb ist es sehr wichtig, dass das Kind stets ermutigt wird und dass beim Lernen eine positive Stimmung herrscht.
Korrekte sprachliche Vorbilder
Das Gehirn von Kindern ist darauf ausgelegt, allgemeine Regeln aus dem sprachlichen Input, welcher ihm geboten wird, zu extrahieren. Folglich ist es wichtig, dass der „Lehrer“, der dem Kind die Fremdsprache näher bringt, die Sprache sowohl im Hinblick auf die Grammatik, als auch hinsichtlich der Aussprache und des Wortschatzes auf einem muttersprachlichen Niveau beherrscht. Natürlich ist es wichtig, dass der Lehrer seine Sprachverwendung an das Kind anpasst und einen altersangemessenen Wortschatz verwendet.
Kinder besitzen bereits durch muttersprachliche Lernprozesse eine gute Hörwahrnehmung und können Laute schnell differenzieren, sich merken und imitieren. Wird ihnen ein sprachliches Vorbild mit deutlicher Artikulation zur Seite gestellt, können sie eine Aussprache auf muttersprachlichem Niveau erreichen.
Zuerst hören, dann sprechen
Es kann vorkommen, dass es einigen schüchternen Kindern schwerfällt, die Fremdsprache aktiv zu gebrauchen. Diese Kinder können von einem Ansatz profitieren, der auf die alternative Sprachvermittlungsmethode der „Total Physical Response“ zurückgeht. Diesem Ansatz zufolge wird Kindern eine Phase gewährt, in der sie die Fremdsprache nur hören, aber noch nicht sprechen müssen. Während der sogenannten „silent period“ erhalten die Kinder Aufforderungen vom Lehrer, die sie befolgen. So sollen die Kinder beispielsweise bestimmte Bewegungen ausführen, die ihnen in der Fremdsprache vorgegeben werden. Durch das Hören der Ausdrücke in Verbindung mit einer Bewegung speichern die Kinder die Bedeutung der neuen Strukturen und Wörter ab. Nach einiger Zeit sprechen die Kinder die Anweisungen mit und werden so schrittweise an das Sprechen herangeführt.
Spielerisches, ganzheitliches Lernen
Kinder verfügen über eine große Freude am Sprechen und sollten auch an die Fremdsprache auf spielerische Weise herangeführt werden. Eine besondere Rolle spielen dabei Lieder und Geschichten. Auswahlkriterien sollten eine relative Kürze sowie die sprachliche Angemessenheit und ein gewisses Maß an Wiederholungen sein. Das Kind kann sich diese zunächst anhören, dann mitsprechen (imitieren) und schließlich einige Formulierungen auch produktiv verwenden. Zudem sollten körperliche Bewegung und Spiele eine wichtige Rolle im Unterricht für die kleinen Sprachenlerner spielen. Kinder benötigen Gelegenheiten, mit der Sprache zu experimentieren. In erster Linie sollen die Kinder dazu motiviert werden, sich mit der Fremdsprache auseinanderzusetzen, und eine Neugier auf die Fremdsprache entwickeln. Kognitives Lernen der Fremdsprache über Regeln sollte erst ab der 5. oder 6. Klasse anfangen.
Beim Lernen neuer Worte ist es zudem sinnvoll, alle Sinne der Kinder anzusprechen. Demzufolge sollte mit konkreten Objekten angefangen werden, die die Kinder in die Hand nehmen und selbst entdecken können. Auch Bilder, Gesten und Bewegungen sind nützliche Strategien beim Lernen unbekannter Vokabeln, da diese so besser gespeichert und abgerufen werden können. Zudem sollten nicht nur isolierte Wörter, sondern vorrangig Ausdrücke, sogenannte „ chunks of language“, geübt werden, die die Kinder in bestimmten Situationen eigenständig verwenden können. Nützliche Lernmittel für junge Fremdsprachenlerner sind auch Filmausschnitte, Bilderbücher und Bildlexika.
Interkulturelles Lernen einbeziehen
Auch im Frühstadium der fremdsprachlichen Entwicklung sollte kulturelles Wissen beiläufig in den Input integriert werden. Über Lieder und kurze Geschichten können Lehrende auf einfache Weise Unterschiede zwischen der Kultur der Zielsprache und der eigenen Kultur ansprechen. Zudem bieten Geschichten eine gute Grundlage, sich in die Situation einer anderen Figur hineinzuversetzen und deren Handlungsmotive nachzuvollziehen. So werden die Grundlagen für komplexe Kompetenzen wie das Empfinden von Empathie oder Perspektivenwechsel und -übernahmen gelegt. Die Integration kultureller Hinweise kann das Kind also dabei unterstützen, eine offene, tolerante Einstellung gegenüber sowie ein Interesse an Personen aus anderen Kulturen zu entwickeln.
Aktive Sprachverwendung: die Handpuppe
Kinder verfügen über einen großen Mitteilungsdrang und haben, mit einigen Ausnahmen, keine Hemmungen vor dem Sprechen in der Fremdsprache. Damit sich die neuronalen Netzwerke des Kindes für die Sprachen optimal ausbilden können, muss das Kind in Situationen gebracht werden, in denen es die Sprache aktiv selbst verwendet. Dem Kind müssen sprachliche Anreize gegeben werden, auf die es sprechend reagieren kann.
Der Einsatz einer Handpuppe ist eine Möglichkeit, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Eine Handpuppe lenkt das Interesse der Kinder auf sich und kann auch zurückhaltende Kinder dazu ermutigen, sich in der Fremdsprache zu äußern. Sie weckt positive Gefühle bei den Kindern, da sie wie ein Kuscheltier in den Arm genommen werden kann. Zudem kann die Handpuppe auf authentische Weise die Rolle eines Kommunikationspartners einnehmen. Eine gute Idee ist es, für die Handpuppe eine fremdsprachliche Identität zu konstruieren. Sie kann beispielsweise ein englischer Muttersprachler sein, der aus einer bestimmten Region kommt und das Kind kennenlernen will. Fragen nach dem Namen des Kindes, nach seinem Alter und seinen Lieblingsspielzeugen werden auf diese Weise authentisch, da die Handpuppe das Kind ja erst kennenlernt. Dem Kind wird auf diese Weise ein authentischer Sprachverwendungsanlass gegeben. Zudem kann die Handpuppe über seine Heimat und Interessen erzählen und auf diese Weise nicht nur für sprachlichen Input sorgen, sondern auch interkulturelle Informationen geben.
Behutsame Heranführung an das Schriftbild
Im Fremdsprachenunterricht von Kindern spielt die Schrift nur eine untergeordnete Rolle. In erster Linie geht es darum, das Kind für die Fremdsprache zu interessieren und die mündlichen Fertigkeiten (Sprechen und Hörverstehen), die für die unmittelbare Kommunikation nötig sind, schrittweise auszubilden. Wichtig für den Anfangsunterricht ist es, zu beachten, dass vor der Einführung des Schriftbildes sichergestellt ist, dass die Kinder das Lautbild des Wortes kennen und beherrschen. Beachtet man diese Reihenfolge, dient das Schriftbild als eine Erinnerungsstütze.
Gefördert werden kann die Relation zwischen Lautung und Schriftbild beispielsweise dadurch, dass die Kinder ein Bilderbuch, welches auch einige Sätze enthält, betrachten und zeitgleich den Text gesprochen von CD oder vorgelesen vom Lehrer hören. Weitere Möglichkeiten sind Poster oder kleine Kärtchen, die neben Bildern auch die Schriftform des jeweiligen Wortes enthalten. Wird das Schriftbild im frühen Anfangsunterricht vollkommen ausgeklammert, kann es dazu kommen, dass die Kinder eingedeutschte Schreibweisen der Vokabeln der Fremdsprache erfinden, also die Regeln der Muttersprache, die sie Schritt für Schritt im Deutschunterricht lernen, auf die Fremdsprache übertragen. Der Umkehrfall muss nicht befürchtet werden: Ein negativer Transfer der fremdsprachlichen Schreibung auf die muttersprachliche Graphie tritt Experten zufolge nicht auf.
Fazit: Unterschiede zum Fremdsprachenlernen in der Sekundarstufe I
Zusammenfassend ist es wichtig, dass im frühen Fremdsprachenunterricht berücksichtigt wird, dass Kinder eine andere Herangehensweise an Sprachen haben als Jugendliche und Erwachsene. Sie verfügen über ein hohes Maß an Spontaneität, haben weniger Angst davor, Fehler zu machen und haben in der Regel wesentlich weniger Hemmungen, die Sprache als Mittel zur Kommunikation aktiv einzusetzen. Diese Merkmale kindlichen Fremdsprachenlernens sollten als Chance verstanden werden, den Unterricht so zu gestalten, dass Kinder ganzheitlich und entdeckend mit der Sprache umgehen können. Auf diese Weise wird das Interesse und die Motivation der Kinder gesteigert und der beste Grundstein für ein erfolgreiches Weiterlernen der Fremdsprache in der Sekundarstufe I gelegt.


